Die LANDSCHAFT Eiderstedt

 

Der Begriff Landschaft

 

Die Landschaft Eiderstedt gehört zu Nordfriesland ist aber nicht friesisch. Die Halbinsel hieß früher Dreilanden, eine Einheit aus den drei Harden Eiderstedt, Everschop und Utholm. Diese Einheit entwickelt sich zur Landschaft und dies ist das herausragende Alleinstellungsmerkmal dieser Gegend. Denn der Begriff Landschaft meint nicht die schöne liebliche oder weite Landschaft, die man fotografieren kann, sondern gemeint ist der Bereich mit einer eigenen Verwaltungsform mit dem Aspekt der partiellen Selbstverwaltung, eine Körperschaft mit eigener Verfassung. Landschaft ist ein Verwaltungsbegriff. In diesem Sinne gibt es nur zwei Landschaften in Schleswig-Holstein: Fehmarn und Eiderstedt.

1867 wurde der Begriff Landschaft durch den Begriff Kreis abgelöst. Eiderstedt wurde ein Teil der preußischen Provinz Schleswig-Holstein.

 

a) Die historisch-politische Entwicklung zur Landschaft

 

Die 13 Harden der Utlande (heute Nordfriesland) unterstanden in freier Form dem dänischen König. König Knut hatte seinen friesischen Leibgardisten die Utlande in 13 Harden zur Verwaltung gegeben. Drei von diesen Harden bildeten die Dreilande, das spätere Eiderstedt.

Im 5. Jh. lassen sich Besiedlungsspuren auf den Nehrungsrücken nachweisen; z.B. in St. Peter auf der Bövergeest.

8. und 11. Jh. machen zwei friesische Einwanderungswellen aus den Dreilanden ein friesisches Gebilde mit friesischer Sprache und christlichem Glauben. Die Dreilande galten als die „novella plantatio fidei“ (die neue Pflanzstätte des Glaubens) [1]. Eiderstedt war Missionsgebiet. Die Mission war erfolgreich, wie die 18 Kirchen beweisen. Die friesische Sprache ging später durch die niederländischen Einwanderer und die Wirkung der Reformation verloren, aber sprachliche Reste in bestehen [2] in Ortsbezeichnungen wie Lokert, Hauert in Tating.

Politisch unterstanden die Utlande anfangs dem dänischen König in lockerer Form.

Um 1250 versuchte der König Erich eine neue Steuer, den Plogpfennig, einzuführen, um dadurch seine Herrschaft zu manifestieren. Sein Bruder Abel versucht, diese Steuer in den Dreilanden durchzusetzen. Er fällt in der Schlacht bei Oldenswort 1252. Im Kampf um ihre Freiheit haben die Eiderstedter Friesen ihren ersten Sieg zur Selbstständigkeit erreicht.

Mit diesem Sieg beginnt nun das Eigenleben der Dreilande.

Das Bewusstsein der Freiheit wird unterstützt durch eine Urkunde von Karl dem Großen, der ihnen Freiheit von Steuern versprochen hatte, da sie das Land gegen das Meer schützen. „daß der ehrenwürdige römische König Karl ihre Vorfahren kraft seiner kaiserlichen Würde und Macht freigegeben hatte“ [3].

Auch wenn dieser Brief eine Fälschung war, so war er es nicht im Bewusstsein der Menschen.

1414 huldigten die Dreilande in freiem Entschluss dem holsteinischen Grafen Adolf VIII in der Hoffnung, Hilfe gegen die Dithmarscher zu bekommen. Sie handelten autonom und bekamen 1426 die Möglichkeit, ihr eigenes Recht aufzuzeichnen: „Die Krone der rechten Wahrheit.

Ab 1435 (Frieden zu Vordingborg) kommen die Utlande zum Herzog von Schleswig und unterstehen dem Herzog von Schleswig in einem lockeren Abhängigkeitsverhältnis.

Die Dreilanden schaffen ihre eigene Verwaltung durch eine Reihe von Beliebungen, die auf der Landesversammlung der Lehnsleute bei Hemminghörn beschlossen werden: 1432 Strafordnung, 1429 Erbrecht, 1444 Strandrecht, 1446 Tragen von Waffen [4].

Diese Rechte werden selbständig beschlossen und vom Herzog „confirmiert“ d.h. auch bezahlt.

Aus Beliebungen werden Privilegien und eine eigene landschaftliche Verwaltung entsteht.

Diese Entwicklung wird durch die Tatsache begünstigt, dass die Bauern keine Vertretung im Landtag hatten.

Nach dem Vertrag von Ribe 1460 („up ewich ungedeelt“) bekommt der Adel in Schleswig und Holstein Mitsprache im Landtag. Er darf sich an der Festlegung von Steuern und Abgaben beteiligen. Mit ihm sind im Landtag die Bischöfe, die Klöster und die Bürgermeister der großen Städte vertreten, nicht die Bauern [5], und somit auch nicht die Dreilande, denn die Dreilande besaßen keinen einheimischen Adel.

Die Dreilande handeln mit dem Herzog ihre eigenen Steuern und Sonderrechte aus. Es entsteht die eigene landschaftliche Verwaltung, weitgehende Selbstbestimmung in der Rechtsprechung und in der steuerlichen Finanzverwaltung. So bestand die Landschaft als gleichberechtigte Körperschaft neben der Ständeversammlung bis 1713/1735 (1864) Daraus hat sich eine eigenständige Verfassung mit innerer Verwaltung und Rechtspflege entwickelt. Jeder Landesherr musste allerdings die Privilegien bestätigen: So 1454 Herzog Adolf VIII, 1461 König Christian I, 1482 König Johann, 1495 Herzog Friedrich. (Sie mussten immer wieder neu gekauft werden: „Lang lebe der König“ war ein echter Wunsch.)

Symbol dieser Eigenständigkeit sind die Pfennigmeister.

(Nur einmal 1624 machten die Dreilande einen Vorstoß, in den Landtag zu kommen, als das Gut Hoyerswort unter Caspar Hoyer den Adelstand erreicht hatte. Der Antrag wurde aber abgelehnt. Spätere Versuche wurden ebenfalls abgelehnt

Bis 1867 haben sie sich bemüht, ihre Sonderrechte zu erhalten, aber es wurde immer schwerer, da 1735 der dänische Staat absolutistisch regiert wurde. 1867 wurde die Halbinsel unter der preußischen Regierung ein Kreis und verlor dadurch ihre Sonderstellung. . Die Autonomie ging verloren, geblieben ist nur ein Rest im DHJSV, dem Deich- und Hauptsielverband, der noch eine gewisse Autonomie in Eiderstedt besitzt. Deutliche Beispiele der Selbstverwaltung und der Kraft der Organisation finden wir im Beispiel der Mobilien Feuerversicherung von 1646 und der Gründung einer Bank 1819.

Während Dithmarschen 1559 seine Selbstständigkeit verlor, konnte Eiderstedt die Eigenständigkeit bis 1713 erhalten. Die nördlichen friesischen Harden wurden in die fürstlichen Ämter einbezogen)


b) Die kulturelle Eigenentwicklung Eiderstedts


Der kirchliche Einfluss nach der Reformation

1524 hält Hermann Tast die erste protestantische Predigt in Garding und in der Folgezeit wird Eiderstedt protestantisch. 1542 erscheint die neue Kirchenordnung und 1591 das neue Landrecht, das schon 1595 durch eine „Polizey-ordnung“ erweitert wird. Diese „Polizey-ordnung“ regelt das sittliche Leben, hauptsächlich die kirchliche Reglementierung des gesellschaftlichen Lebens. Der Pastor und die Hebamme haben das Sagen; die Rolle der Frau wird festgeschrieben und die Ausbildung der Jugend für den Schulbesuch (d.h. Religionsunterricht) wird bestimmt.

(Für die Pastoren ist Eiderstedt ein gelobtes Land. Selbst berühmte Pastoren wie Pistorius und Jonas, die noch bei Melanchthon studiert haben, wählten lieber einen Verwaltungsposten in Eiderstedt als den Posten als Hofpastor in Gottorf. Der Grund war die reiche Pfründe, die den Pastoren in Eiderstedt gewährt wurde. Mit Pistorius wird die Halbinsel eine eigene Propstei Eiderstedt.)

Festigung der plattdeutschen Sprache und religiöse Festigung.

„Sola scriptura“ nur die Schrift zählt, nicht die Unterweisung durch die kirchliche Hierarchie, das war die Forderung von Luther. Die Bibel sollte jeder lesen können, die Bibel war das Fundament des evangelisch-lutherischen Glaubens. Sie sollte jedermann zugänglich sein und jeder sollte sie lesen können. So lag das Interesse daran, dass die Bevölkerung lesen lernte. Es war die Aufgabe der zahlreichen Diakone, den Schuldienst zu übernehmen.

Die schulische Ausbildung ist eine Leistung der Reformation.

(Der Nachteil war, dass die Bibel auch in einer eigenen Weise interpretiert werden konnte. Das geschah auch, besonders in den Niederlanden, wo sich viele Sekten bildeten, die sich sowohl gegen die katholische Lehre als auch gegen die neue Lehre von Calvin absetzten. Mit den Niederländern kamen diese Sekten nach Eiderstedt. Hier waren sie zwar eingeladen, den Handelsort Friedrichstadt aufzubauen, aber sie zwangen die ev.-luth. Kirche auch zur Verteidigung der orthodoxen Richtung.)


Der Einfluss der Niederländer

Durch die Einwanderung der Niederländer ändert sich die Landschaft vor allem im äußeren Bild, nicht in der Verwaltungsart.

Die Niederländer wandelten Eiderstedt in Klein-Holland, sie verursachten einen Kulturwandel, der bis heute sichtbar ist.

Caspar Hoyer hat die Deichbaukunst der Niederländer in den Niederlanden kennengelernt und diese Kenner der Wasserwirtschaft und der Entwässerungskunst für Eiderstedt angeworben und später zur Ansiedlung in Eiderstedt eingeladen. Sie bekamen als Religionsflüchtlinge das Recht, in Friedrichstadt ihre eigene Stadt aufzubauen. Berühmt ist der Deichbauer Johann Clausen Kooth, der als Rollwagen bekannt wurde. Er führte die industrialisierte Bauweise im Deichbau ein, indem er Fremdarbeiter einstellte, die gegen Lohn die Deiche bauten, nicht mehr die Bewohner hinter dem Deich. Der Deichbau wurde dadurch eine Angelegenheit des Herzogs.

Die Niederländer brachten auch die neue Wirtschaftsform mit, die Milchwirtschaft und Käseherstellung dominierte. Die „Hollandere“ versicherten ihre Geräte in der Mobilien Versicherung, der ersten in Deutschland. Der Haubarg wurde die neue Hausform, Handel galt mehr als Landwirtschaft; Niederländische Deicharbeiter, die sich mit der Bevölkerung vermischen, unterstützten die sprachliche Vorherrschaft des Plattdeutschen, Sportarten (Boßeln und Ringreiten) setzten sich durch, Häfen und Bootfahrten wurden gebaut, um den Handel zu fördern, die Gründung von Friedrichstadt 1620 war die Folge.

 

 

 

 

 

1646 Mobilien Versicherung, hier „Peter Brand“

Abschrift und Liste der Versicherten von 1700  [6]

Der Einfluss Dänemarks

1713 verliert der Herzog von Gottorf die Vorherrschaft in Eiderstedt. Der dänische König hat die Macht und 1721 huldigen die Eiderstedter dem dänischen König, d.h. sie sind nun Untertanen des dänischen Gesamtstaates; Hier herrscht der Absolutismus und so wird nun alles von oben gelenkt und geregelt: 1735 wird ein Oberstaller für Husum und Eiderstedt eingesetzt. Es folgen gesamtstaatliche Regelungen.

Die Eigenverwaltung der Landschaft wird eingeschränkt.

1767 wird ein Deichregulativ gesetzt, 1803 entsteht eine neue Strandordnung und 1805 das neue Deichreglement; Wirtschaftliche Schwierigkeiten durch Sturmfluten 1717 und 1756, Viehseuchen 1745, Dürre mit Sandstürmen 1748 bringen viele Pleiten der Lehnsmänner, die mit ihrem Vermögen haften mussten. Die Kopfsteuer wird 1762 eingeführt und das Schulwesen wird geregelt; der Eiderkanal endet 1774 in Tönning, aber die Stadt und Eiderstedt profitieren von der Elbblockade und der Kontinentalsperre1805 und 1806, nicht aber der dänische Staat. 1813 erfolgt der dänische Staatsbankrott, 1825 die Sturmflut, die Eiderstedt bis Garding unter Wasser setzt. Die Verarmung zwingt viele zur Aufgbe und der Wechsel in der Bevölkerung ist groß.

Ab 1830 beginnen die „Vier Goldenen Jahrzehnte“ Viehzucht und Ochsenhandel machen die Landbesitzer reich: Jungvieh aus Jütland wurde in Eiderstedt gegräst und exportiert. Besonders der Export nach England war für die Landbesitzer profitabel. Die Tagelöhner und Landarbeiter allerdings verarmten, da es kaum Arbeit gab. Die Zahl der Almosenempfänger (13,2,%) war extrem hoch. Der dänische Staat muss das Armenwesen regeln, 1841 die Gesindeordnung und das Heimatrecht.

Diese staatlichen Regelungen sind notwendig, um die starke soziale Schichtung in Eiderstedt, aufzufangen. Die Reichen kümmerten sich kaum um die Armen.

Nach 1800 entwickelt sich auf dänischer und auf deutscher Seite der Gedanke des Nationalismus. Es treten Spannungen auf, 1848 erheben sich die Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark, verlieren ihren Kampf 1850 und werden dänisch. 1864 endet dieser Einfluss und 1867 wird Eiderstedt ein preußischer Kreis in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Die Selbstverwaltung, der Charakter der eigenständigen Landschaft wird Erinnerung oder bleibt nur in Resten wie in der Verwaltung des Deich- und Hauptsielverbandes.

Zusammenfassung

Eiderstedt ist eine Landschaft mit einer eigenen Gestalt:

Fast 100 Köge, ein weites, grünes Wasserland, durchzogen mit Gräben, Bootfahrten und Schleusen; überall Kirchtürme, Haubarge auf Warften und kilometerlange Deiche sind das äußere Bild der Landschaft Eiderstedt.

Eiderstedt ist eine Landschaft mit eigener Verwaltung:

Die Selbstverwaltung geschah in Form einer Plutokratie, denn nur 2% der Bevölkerung regierten die Landschaft. Es herrschte die Mentalität des Handels und eine äußerliche Kirchlichkeit. Das Motiv der Bewohner, die das Sagen hatten, war der Gewinn. So entstand eine starke soziale Schichtung.

Eiderstedt hatte eine eigene Führungsschicht:

Der Stolz, das materielle Abwägen und ein unsoziales Denken sind die charakterlichen Eigenschaften dieser Bewohner. Das reiche Bauerntum hat sich Freiheiten erkauft und an sich gedacht, nicht an die Landschaft und so ist es leider noch heute.

 

Claus Heitmann/AGO

 

 

[1] Innozenz III, 1187

[2] Sprachreste in Westerhever

[3] Chronicon eiderostadense vulgare S.19

[4] Panten, A, „Unbekannte Rechtsquellen des 15. Und 16. Jahrhunderts aus Nordfriesland“ Langehorn 1976

S.99ff

[5] Kuschert , R. „Landesherrschaft und Selbstverwaltung in der Landschaft Eiderstedt unter den Gottorfern

(1544-1713) S. 53und 93

[6] Geerkens, A „Die Mobilien-Versicherung 1646“